Am Anfang steht die Linie. Sie umreißt mal feinfließend, mal breit-borstig den Objektkörper und erschafft das fragile Gleichgewicht, das Kimoto Keikos Zeichnungen und Malerei innewohnt.
Unwillkürlich ist der Betrachter geneigt, die Luft innezuhalten, um bloß nicht die intuitiv spürbare Ausgewogenheit zu zerstören. In diese mit Strich und Linie umrissenen Körper erscheinen die sparsamen Farbtexturen gleichsam wie eingehaucht und bilden ihre eigenen Spannungsfelder. Ein abgestuftes Helldunkel der Kohle und Tusche kontrastiert mit farbigem Auftrag in Öl und Acryl, auf sanfte Rundungen stoßen scharfe Kanten.
Das zwischen Schrift (-kunst) und Malkunst oszillierende Werkverständnis in der traditionellen chinesischen und japanischen Malerei hallt in Kimoto Keikos Kunstschaffen noch nach, wird aber nie Selbstzweck, sondern bildet vielmehr die Folie für ihre Momenteinfassungen von Belebtem und Unbelebtem, von Vogel und Pflanze, von Figur und Objekt. Mit den Mitteln der Reduktion, Vereinfachung und Andeutung erschafft sie so „Augen-Blicke“, denen die Vergänglichkeit bereits eingeschrieben zu sein scheint.
Nur schemenhaft angedeutet sind beispielhaft die Konturen in Gemerkt. Wenige schwungvolle, und doch nie aufdringliche Striche reichen, um eine den Gesetzen der Schwerkraft offenbar entsagende Figur entstehen zu lassen, die auf gleichmäßig aufgetragenem Hintergrund ohne jede Tiefenwirkung diesen Moment harmonischen Gleichgewichts einfängt, der allen Bemühungen zum Trotz die Ausnahme bleibt.
Beim Betrachten von Regen wiederum glaubt man den bevorstehenden Regenguß schon am eigenen Körper zu spüren, so geläufig ist die mit wenigen Pinselstrichen gezeichnete Körperhaltung, die durch …
Demgegenüber scheint Wolken den Weg vertikaler Kompositionsprinzipien zu beschreiten, wie sie in der ostasiatischen Landschaftsmalerei anzutreffen sind. Offenbar in dichte Wolkenschleier eingetauchte Baumstämme, die aus übernaher Ansicht nur stellenweise den Blick in eine mögliche Ferne freigeben, unterstreichen das ohnehin verengt vertikale Bildformat.
Auch in 6 Uhr, Mond und Zwischen rahmen in den Vordergrund gerückte Bäume und Stämme das Motiv weiter ein, ohne es indes gänzlich zu begrenzen. Vielmehr setzen die meist kahlen, dem Blick Halt gebenden Bäume einen Kontrastpunkt zu den bewegten Figuren, die die Landschafts-Stille ihn die menschliche Welt zurückholen.
Ananas ist beinahe nur noch Silhouette und doch unmittelbar zugänglich. Leicht schräg stehend mit der Andeutung ihrer so typisch grob-unebenen Außenhaut ragt der mit an- und abschwellendem Pinselduktus gezeichnete Blätterschopf aus der oberen Begrenzung des Bildes hinaus. Sanft an den rechten Bildrand gerückt neigt die Frucht wie an sich selbst angelehnt zur linken, offenen Bildseite und evoziert im Betrachter das ihm vertraute Bild der sonst nur beiläufig wahrgenommenen Ananas.
Blau- und Grün-Töne dominieren, oft ergänzt um die vielen Facetten der Grau- und Schwarz-Schattierungen, von denen es in der monochromen Tuschemalerei in China und Japan einst hieß, schon sie deckten alle „Farben“ ab.
Den Unterschieden in Motiv, Bearbeitung und Kolorierung zum Trotz – das fragile, natürliche Gleichgewicht, das im kurzen Dunkel des Wimpernschlags kaum vernehmbar entstehen mag, zieht sich durch Kimoto Keikos Kunstschaffen und hält ihr Werk fest zusammen wie eine Spange das Haar.
Ling Wang-Hohmann / Uwe Hohmann